CR201

Die „Entdeckung“ von Hessenbergs 2. Sinfonie
Eine persönliche Erinnerung
von Executive Producer Thomas von Benda

Diese Geschichte beginnt vor mehr als 50 Jahren: In jugendlichem Überschwang schrieb ich damals an Wilhelm Furtwängler, Willem Mengelberg und Richard Strauß, um ihre Meinung über die Zukunft der deutschen Musik sowie Neues über ihre jeweiligen Aktivitäten zu erfahren. Strauß verstarb 1949, kurz nachdem er mir geantwortet hatte. Mengelberg verstarb zwei Jahre später, zuvor jedoch riefen wir eine Brieffreundschaft ins Leben. Furtwängler schrieb mir über seine jüngsten Probleme mit dem Chicago Symphony Orchestra, eine Rückkehr in die USA schien ihm damals unwahrscheinlich. Doch im Sommer 1954 schrieb er mir ein weiteres Mal, es bestünden Pläne für eine Amerika-Tour mit den Berliner Philharmonikern Anfang 1955. Diese Tour sollte durch meinen Freund, den Impresario André Mertens, organisiert werden.

Nach Furtwänglers Tod im November 1954 übergab mir Dr. Gerhardt von Westermann, der damalige Intendant der Berliner Philharmoniker, ein Büchlein mit genauen Angaben zu allen Konzerten, die Furtwängler zwischen 1922 und 1954 in Berlin gegeben hatte. In diesem Büchlein stieß ich auf einen Hinweis, dass Kurt Hessenbergs 2. Sinfonie unter Furtwängler im Dezember 1944 uraufgeführt wurde. Damals kannte ich Hessenberg nur als zeitgenössischen deutschen Komponisten, dessen künstlerischer Werdegang in der Zeit vor dem Krieg vielversprechend begann. Nach 1945 hörte man nur wenig über ihn, ich wusste jedoch, dass er wieder in Frankfurt lehrte. Dr. von Westermann konnte sich noch gut an die erfolgreiche Uraufführung der 2. Sinfonie erinnern. Doch es sah so aus, als habe der 2. Weltkrieg Kurt Hessenberg die Möglichkeit genommen, außerhalb Deutschlands bekannt zu werden. Meine Hessenberg-Forschung nahm ich erst einige Jahre später und mehr durch Zufall wieder auf: Ich wurde dem amerikanischen Komponisten Virgil Thomson vorgestellt. Thomson erzählte mir, er habe 1945 in Deutschland Gelegenheit gehabt, die Partitur der 2. Sinfonie einzusehen, 1946 habe er eine sehr positive Stellungnahme über das Werk verfasst. Er war überzeugt, dass das Werk nach dem Krieg eine gute Chance habe, in das Standardrepertoire aufgenommen zu werden. Als wir uns etwa 1960 wieder trafen, bedauerte er, dass dies nicht der Fall gewesen war.

Innerhalb der nächsten 30 Jahre schrieb ich zahlreiche Plattenproduzenten an und schlug ihnen eine Welt-Erstaufnahme von Hessenbergs 2. Sinfonie vor. Alle zeigten Interesse, dennoch kam der Plan nicht vorwärts. Anfang der 90er Jahre wurde mir der junge Dirigent Leland Sun vorgestellt, wir entdeckten sofort unsere künstlerischen Gemeinsamkeiten. Leland verfügte über eine ausgeprägte „Antenne“ zu Furtwängler und anderen bedeutenden Maestri jener Zeit, ich war beeindruckt von seinem Verständnis wahrer musikalischer Werte. In einer unserer Diskussionen spät im Jahre 1998 kam Hessenbergs verlorener Schatz zur Sprache, und plötzlich kam uns eine Idee. Wir forderten Partitur und Orchestermaterial der 2. Sinfonie an und entschieden uns - nach vielen Diskussionen, nach endloser Planung - die Aufnahme in eigener Verantwortung zu produzieren. Sie fand im März 2000 mit dem exzellenten Slowakischen Radiosinfonieorchester statt. Leland und ich hegen die Hoffnung, dass diese Aufnahme dazu beiträgt, Kurt Hessenberg - wenn auch verspätet - den ihm zustehenden Platz in der Musik des 20. Jahrhunderts einzuräumen und dass auch andere Dirigenten Hessenberg in das Repertoire aufnehmen. So wie es Virgil Thomson vor vielen Jahren sagte: „…die Musik Kurt Hessenbergs gehört in das Standardrepertoire aller bedeutenden Sinfonieorchester …

© 2001 Cassandra Records

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