CR201

Vorwort
von Rainer Hessenberg

Im Jahre 1944, als die 2. Sinfonie meines Vaters uraufgeführt wurde, war ich gerade mal 2 Jahre alt, meine Erinnerung an jene Zeit ist zwangsläufig noch wenig ausgeprägt. Doch viele der Dinge, die ich über meinen Vater weiß, sind ja in jedem Musiklexikon nachzulesen, die anderen Dinge kenne ich vom Hörensagen, von langjährigen Freunden, von meinem Vater selbst, und natürlich auch von seiner Ehefrau Gisela, meiner Mutter.

Musikalisch prägend für meinen Vater war Leipzig. Hier studierte er von 1927 bis 1931. Hier sog er ein, was diese Stadt musikalisch zu bieten hatte: Der Thomanerchor unter Karl Straube, das Gewandhaus-Orchester mit Bruno Walter, Hindemith, Kodaly und Strawinsky musizieren eigene Werke - all das muss auf einen jungen Musiker magisch und magnetisch zugleich gewirkt haben. Umso tiefer und einschneidender dieses Erlebnis: Nazis unterbinden ein Konzert von Bruno Walter - einer der großen Musiker dieser Zeit wird zum Verlassen des Landes gezwungen. In seiner Autobiographie schreibt mein Vater: „Den Schock, der mich - wie viele andere Konzertbesucher - überfiel, werde ich nie vergessen.“ Günter Raphael, Halbjude, langjähriger Freund und Lehrer meines Vaters, wird fristlos aus seiner Lehrtätigkeit am Leipziger Konservatorium entlassen - ein bitteres Unrecht, das meinen Vater belastete und bewegte, andererseits aber die Freundschaft zu Raphael festigte.

Aber Leipzig - das ist eben auch Johann Sebastian Bach. Seine Werke prägen meinen Vater, Johannes- und Matthäus-Passion, Magnificat und h-moll-Messe singt er selbst im „Bach-Verein“ (identisch mit dem „Gewandhaus-Chor“) mit - diese Werke zählten auch in unserer Familie noch lange zu den alljährlichen musikalischen Pflichtübungen (denen ich erst jenseits der 18 gerne nachkam). Die Bach’sche Musik war „das größte und nachhaltigste Erlebnis“ seiner Leipziger Jahre - so schreibt er in seiner „Kleinen Selbstbiographie“.

Relativ spät findet mein Vater kompositorisch zur geistlichen Chormusik. Die Motette „O Herr, mache mich zum Werkzeug Deines Friedens“ op. 37 für sechsstimmigen A-cappela-Chor wurde von unzähligen Chören in unzähligen Konzerten aufgeführt. Doch diese Motette - vielleicht sein bekanntestes Chorwerk - und die hier als CD vorliegenden Werke stellen nur einen Bruchteil seines schöpferischen Schaffens dar. Kreativität und feinsinniger musikalischer Humor spiegeln sich in vielen seiner Werke wieder. So in der Struwwelpeter-Kantate op. 49, in den Liedern eines Lumpen op. 51. Oder in seiner Oper Der gestreifte Gast nach einer Novelle von Werner Bergengruen - sie harrt noch der ersten Aufführung.

Unvergessen ist mir manche Aufführung seiner Regnart-Variationen, gerne erinnere ich mich an eine brillante Konzertante Musik für zwei Streichorchester op. 39 und viele weitere Stücke, die der 14- bis 18-jährige Rainer noch nicht so recht zu schätzen wusste. Jetzt freut er sich - zusammen mit den Geschwistern und der 83-jährigen Mutter, der Witwe Kurt Hessenbergs - auf diese Ersteinspielung der 2. Sinfonie op. 29 und des Konzerts Nr. 1 für Orchester op. 18, und natürlich hofft er, dass es - um mit den Worten des Vaters zu sprechen - „auch noch ein paar anderen gefällt“.

Düsseldorf, im Januar 2001

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